Stachel/Haut/Wunde

Ich sitze im Zug zurück nach Mannheim. Es ist Pfingstmontag. Auf dem Sitz neben mir liegt mein Wanderrucksack, geschmückt mit einigen Waldblumen, die ich am Vormittag gepflückt habe. Ich lese, ein spannender Krimi aus dem hohen Norden. Normalerweise vermeide ich es, den langsamen Zug durch das Neckartal zu nehmen; im Moment geht es nicht anders und so kriecht der Zug durch das grüne Tal vor sich, bis wir schließlich im Heidelberger Hauptbahnhof stehen. Viele Leute steigen zu. Im Gang steht auf einmal eine ältere Frau. Wie so oft, sagst sie nichts, sondern schaut nur auf meinen Rucksack. Ich nehme ihn weg; denke mir meinen Teil (auf der anderen Seite wären noch Plätze frei gewesen) und versuche trotz Rucksack auf den Beinen zu lesen. Der Zug verlässt gerade Heidelberg-Wieblingen, als die ältere Frau anfängt, eine andere Frau, die ebenfalls bei uns sitzt, anzusprechen. Sie hätte in Heidelberg jemanden getroffen, mit dem sie auch in Israel gewesen wäre. Ok, denke ich, eine dieser älteren Frauen, die einsam sind und jemanden zum Reden brauchen. Bereits leicht genervt schlage ich die nächste Seite im Buch auf. Die ältere Frau redet immer noch von Israel. Meine Ungeduld steigt. Sie hört nicht auf zu reden und ich kann das Lesen vergessen, packe das Buch weg. Die Frau ist beim Thema “Erweckung für Deutschland” angelangt. Sie bete seit 1979 dafür; immer an einem bestimmten Tag, und irgendwann wäre es dann so weit gewesen. Ihr Beten hätte geholfen, dass es nicht zu einem Anschlag mit Kofferbomben gekommen wäre. Wir sind in Mannheim angelangt. Die ältere Frau gibt der jüngeren noch auf den Weg, für Deutschland zu beten – im Moment sei es so “bitter nötig”. 20 Minuten später bin ich daheim. Meine rechte Ferse schmerzt. Als ich den Schuh ausziehe, sehe ich Blut im Schuh. Eine Verkleidung im Schuh hat sich gelöst und sich in die Ferse gebohrt. Damit diese Wunde heilen konnte, benötigte ich viele Pflaster und Ruhe, ich bin ein paar Tage gehumpelt, konnte das geplante Ausflugsprogramm an meinem Geburtstag vergessen. Was gegen religiöse Verbohrtheit hilft, weiß ich aber immer noch nicht.

5. Juni 2017, Mannheim

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